Die Zeit

The interview below with Robert Elsaesser of bagmaker ELAG appeared in the Travel section of Die Zeit (an upmarket German Sunday newspaper), issue 21, in 2001.

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B U S I N E S S   C L A S S

Is' mir übel

Sie sind wasserdicht, standfest, gut verschließbar und für vieles zu gebrauchen. Wir reden über Spucktüten

Die Zeit: Herr Elsaesser, Sie machen Ihr Geld mit der Übelkeit leidender Flugpassagiere. Ist Ihre Berufsbezeichnung: Kotztüten-Fabrikant?

Robert Elsaesser: Nein, nein. Die Spuckbeutel sind ja nur ein kleines Segment unserer Firma. Wir sind Verpackungshersteller für Lebensmittel, Chemie, Pharmazie, Kosmetik. In verschiedenen Dichtigkeiten: wasserdicht, vakuumdicht, pasteurisierungsbeständig et cetera.

Zeit: Spuckbeutel müssen erbrechensbeständig sein.

Elsaesser: Das zählt zu wasserdicht. Sie müssen standfest sein, sicher und gut verschließbar. Unser Motto war lange: »Wir halten dicht.«

Zeit: Wie heißen sie denn nun korrekterweise: Kotztüte oder Spuckbeutel? Draufgeschrieben ist manchmal »Für die Luftkrankheit«. Der Schweizer sagt Chotzbütel, der Österreicher Speisackerl, prullenzakje der Holländer, auf Englisch gibt es den disposal bag oder waste bag ...

Elsaesser: Schriftlich sieht »Kotzbeutel« fürchterlich aus. Wenn man es lieblich ausspricht - schon besser. Wir nennen das spezielle Papier, das mit Polyethylen beschichtet ist, hoch offiziell Kotzbeutelpapier. Ganz freundlich ausgesprochen.

Zeit: Wie viele verkaufen Sie im Jahr?

Elsaesser: Rund 70 Millionen, Stückpreis sechs bis zehn Pfennig.

Zeit: So viele werden wohl kaum benutzt?

Elsaesser: Sicher nicht. Das liegt im Promillebereich. Aber man will sie auch für andere Dinge benutzen. Neulich hat uns eine Fluggesellschaft, die größte der Welt, gesagt, sie müssten Beutel haben, die kochendes Wasser aushalten. Hab ich gesagt, kein Problem, aber wofür? Sie heizen an Bord die Babyflaschen in den Beuteln auf. Einmal wollte eine Fluggesellschaft dringend wissen, ob unsere Tüten auch lebensmittelecht sind. Natürlich, haben wir gesagt, warum? Bei denen wurde Eis in Spuckbeuteln aufbewahrt und den Gästen aus der Tüte zum Aperitif gereicht. Ein Passagier hat entsetzt reklamiert.

Zeit: Das ist ja auch Zweckentfremdung.

Elsaesser: Aber völlig okay. Es zeigt nur die vielen Anwendungsbereiche. Die meisten Passagiere benutzen sie als Abfallbeutel. Es gibt Fluggesellschaften, die in solchen Tüten ihre Duty-free-Artikel abgeben. Bei einigen deutschen Charterfliegern sind sie gleichzeitig ein Retour-Beutel für Filme. Das ist ein Supergeschäft für alle Beteiligten: Die Fotofirma hat sehr guten Rückfluss, die Fluggesellschaften haben die Beutel günstiger, und, gut für uns, sie brauchen immer neue.

Zeit: Waren Sie die Ersten am Markt?

Elsaesser: In dieser Form schon. Unser erster Kunde war Olympic Airways, vor über 20 Jahren. Dann ist es uns gelungen, die ganze Welt auf ein Format und eine Qualität festzulegen. Heute haben wir einen Marktanteil von über 30 Prozent und beliefern über 100 Fluglinien. Interessant ist, dass Gesellschaften etwa gleicher Größe sehr unterschiedlichen Bedarf haben. Es gibt Länder, etwa Saudi-Arabien, wo die Leute einfach alles mitnehmen aus dem Flugzeug; British Airways oder United haben einen hohen Bedarf wegen ihrer Größe; deshalb sind das auch unsere größten Abnehmer.

Zeit: Wie viel passt rein in die Tüte?

Elsaesser: Ich hab das nie gemessen oder getestet. 1,5 Liter hätten schon Platz, glaube ich. Das Format ist immer gleich: 125 Millimeter breit, 80 tief, 237 hoch.

Zeit: Das sind ... 2,37 Liter brutto. Ist die Verschlusstechnologie denn mittlerweile perfektioniert? Lange wurde mit Kordeln gearbeitet, und es gab missverständliche Anweisungen fürs Zusammenbinden, Zusammenknoten. Was im Falle der Fälle nicht immer gut ausging.

Elsaesser: Also, unser Papierbeutel hat einen Clip. Der hält. Das ist die einfachste Art, und mit dem Klotzboden fallen die Beutel nicht um. Unsere neueren sind oben versiegelt mit einer Perforationslinie zum Öffnen.

Zeit: Aber will ich denn noch fummeln, wenn es mich ganz plötzlich überkommt?

Elsaesser: Es ist ganz leicht. Der Grund sind die Kaugummi-Esser. Der unerzogene Mensch klebt den Kaugummi unter den Sitz. Der gut erzogene nimmt die Spucktüte. Er öffnet den Beutel ein wenig, lässt den Kaugummi hineinfallen, macht wieder zu und steckt die Tüte zurück. Dann klemmt der Gummi die Tüte zu, und niemandem wird auffallen, dass etwas im Beutel ist. Und man glaubt nicht, wie viel Kaugummi kauende Menschen es auf der Welt gibt. Da hat uns eine Airline gebeten: Lasst euch was einfallen.

Zeit: Kotztüten sind offenbar ein Gebiet mit ständig neuen technologischen Herausforderungen.

Elsaesser: Es ist so. Ein Massenprodukt, technisch auf niedrigem Standard. Aber mit vielen kleinen Finessen.

Zeit: Gibt es bei der Elag einen speziellen Spucktüten-Designer?

Elsaesser: Natürlich haben wir eine Designabteilung und auch Anfragen. Aber früher war das häufiger der Fall. Heutzutage haben die Fluggesellschaften ganz präzise Corporate Identitys. Sie entwerfen lieber selbst: Schrift, Farbe, Text, Aufmachung. Manche wollen sogar ihr Stoffmuster in der Kabine auf der Tüte wiedersehen. Neben all dem Technischen muss eine ideale Tüte auch einen besonders schönen Aufdruck haben, eine ansprechende Gestaltung.

Zeit: Was ist denn Ihre liebste Tüte?

Elsaesser: Früher die von Balair: rote, blaue und silberne Streifen, sehr elegant. Eine wirklich schöne Tüte heute ist die von Uzbekistan Airways. Die haben die Usbeken selbst entworfen. Sehr gelungen.

Zeit: Sammeln Sie persönlich? In der Basler Zeitung stand über das Spuckbeutel-Ensemble in Ihrem Konferenzraum: »... nebeneinander stehen sie ganz oben auf dem Regal. Wie Pokale einer großartigen Kegelmannschaft ...«

Elsaesser: In unserem Showroom stehen unsere Produkte und in einem Regal halt die, ja: Kotztüten. Es gibt aber einige Sammler, die sich jedes Jahr bei uns melden. Und da sind wir auch sehr großzügig. Einer aus Holland hat 4000 verschiedene.

Zeit: Die Existenz der Tüten wird in den Flugzeugen nicht sehr offensiv verkündet. Sonst wären die Tüten bekannter, es würden mehr geklaut, und Sie hätten mehr Umsatz.

Elsaesser: Nun gut, eigentlich kann ich das Mitnehmen auch nur empfehlen. Die Beutel sind im Auto unglaublich angenehm.

Zeit: Haben Sie schon eine benutzen müssen?

Elsaesser: Ich? Nein, nicht für diesen Zweck. Aber ich habe schon andere gesehen. Und für mich gedacht: Schön, dass es uns gibt.

 

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